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SZ-Autor wünscht sich mehr »Cancel Culture« – Eine Entgegnung

Wussten Sie schon, dass »Cancel Culture«, also das Verdrängen von unkorrekten Meinungen und Personen aus der Öffentlichkeit, zur „inklusiveren Verwirklichung der Demokratie bei[trägt]“?

Derlei Thesen können Sie im Feuilleton der SZ nachlesen.

Der Autor, Politikwissenschaftler, legt sogar noch einen drauf: Die Forderung nach Kunst- und Meinungsfreiheit seien konservative „Waffen“, um „emanzipierte Änderungen“ abzuwehren. Dies sei ein „machtpolitischer Missbrauch“. Denn eine Einschränkung derselben finde im Grunde gar nicht statt. Was stattfinde, sei lediglich eine legitime Verschiebung von Machtverhältnissen zugunsten „emanzipativer Bewegungen“. Dies bedeute nichts Geringeres als die „Verwirklichung des demokratischen Universalismus, der in seiner heutigen Form unvollständig ist.“

„Politische Korrektheit“, „Identitätspolitik“ und „Cancel Culture“, seien „deshalb nicht die Einschränkung der demokratischen Pluralität und Inklusivität, sondern ihre weitere Verwirklichung.“

Wir haben hier – eingekleidet in akademischen Dünkel und im Namen der Demokratie – eine totalitäre Argumentationsfigur in Reinkultur. Der Ausschluss von Personen und Inhalten aus der Öffentlichkeit wird als Verwirklichung einer »wahren« Demokratie legitimiert. Das eigene politische Projekt („emanzipierte Bewegungen“) wird mit der Demokratie als solcher identifiziert und sogar mit universalistischen Geltungsgründen aufgeladen.

Sie kennen diese Rhetorik: Wenn Politiker von „unserer Demokratie“ sprechen, meinen sie im Grunde nur ihre eigene Herrschaft.

Die Folge: Der Demokratiebegriff wird monopolisiert und gegen die politische Konkurrenz gewendet, die dann als „Demokratiefeinde“ erscheinen kann. Wo aber »die Demokratie« von »Feinden« umzingelt ist, muss sie »wehrhaft« sein. Oder mit den Worten des Autors: „Mehr Cancel Culture!“.

Der Autor irrt auch, wenn er von einer „Verschiebung von Machtverhältnissen“ spricht, die der Ruf nach Meinungsfreiheit »nur« aufhalten wolle. Innerhalb des gegenwärtigen Kunst- und Kultursektors stellt seine „emanzipative Bewegung“, also das symbolische Feld linksgrün-globalistischer Kräfte, bereits das dominante Muster dar. Er verschleiert, dass die Machtfrage längst entschieden ist – wovon nicht zuletzt die Ohn-macht der Opfer der »Cancel Culture« zeugt.

Der Autor liefert in Wirklichkeit nur ideologisches Material, um die Selbstherrlichkeit, Exklusivität und antidemokratische Praxis der bereits tonangebenden Kräfte zu rechtfertigen.

Das demokratische Wortgeklingel kann er sich sparen; dieses Denken versprüht den Geist eines neuen Totalitarismus.


https://www.saechsische.de/kultur/mehr-cancel-culture-bitte-5352802-plus.html?fbclid=IwAR0_YmISnLQIUKbLvd-odaY3Ebg1AlcMXziV46t-bCMyzyuH0sjsIZ-1OOQ